„Herr Verwalter, ich erwarte die 100-prozentige Einhaltung sämtlicher Gesetze und Reglemente – ohne Ausnahme!“ Solche Nachrichten landen immer wieder auf meinem Tisch. Meine Antwort darauf ist so direkt wie ehrlich: Wer im Stockwerkeigentum nur stur nach dem Regelbuch spielt, wird scheitern.
Seien wir ehrlich: Viele Reglemente sind 30 Jahre alt, völlig veraltet und entsprechen längst nicht mehr der aktuellen Rechtsprechung. Oft wurden sie vom Ersteller lieblos per „Copy-Paste“ erstellt. Warum sollten Eigentümer heute unter Regeln leiden, die damals gar nicht für ihre Lebensrealität geschrieben wurden?
Eine Gemeinschaft besteht aus Menschen, nicht aus Aktenzeichen. Die besten Ideen entstehen oft spontan im Gespräch an der Versammlung. Wenn ich als Verwalter dann jede pragmatische Lösung blockiere, nur weil sie nicht exakt dem Reglement entspricht oder vor zwei Wochen auf der Traktandenliste aufgeführt wurde, bremse ich das ganze Haus aus. Wir sind keine Polizisten und keine Juristen – wir sind Lösungsfinder!
Klar, ich könnte Recht und Ordnung gnadenlos durchboxen. Dann wäre ich rechtlich gesehen vielleicht eine „perfekte“ Verwaltung – aber vermutlich eine ohne Mandate. Warum? Weil die grosse Mehrheit der Eigentümer keine starre Bürokratie will, sondern eine Liegenschaft, die lebt, die unterhalten wird und in der man gerne zu Hause ist.
Wer bei jeder Kleinigkeit den Zeigefinger hebt, erntet Unverständnis statt Zusammenarbeit. Mein Tipp an alle Kollegen: Getraut euch, im Sinne der Gemeinschaft auch mal pragmatisch neben dem Reglement zu agieren, wenn es die Mehrheit weiterbringt. Wer nur verwaltet, verliert. Wer gestaltet, gewinnt das Vertrauen der Leute.