-
AutorBeiträge
-
Hand aufs Herz: Wir alle streben nach dem Besten. Das ist menschlich und wohl tief in uns verwurzelt. Aber im Stockwerkeigentum gibt es ein Phänomen, welches ich kürzlich in einer Doku gelernt habe und ein absoluter Effizienzkiller ist:
den sozial vorgeschriebenen Perfektionismus.Das ist kein blosses Ärgernis mehr – es verwandelt meine Arbeit als Bewirtschafter von einer Management-Aufgabe in eine psychologische Dauerbetreuung. Und gerne erkläre ich dir, warum dieser Drang nach Fehlerfreiheit uns alle ruiniert.
Es gibt Eigentümer, die unter diesem Perfektionismus leiden und diesen Standard eins zu eins auf mich übertragen. Sie erwarten, dass ich jedes Gesetz – auch das kantonale Energiegesetz von gestern Abend – auswendig kenne. Jede E-Mail muss sofort beantwortet werden, denn jede Verzögerung wird sofort als „unprofessionell“ oder „mangelnde Wertschätzung“ ausgelegt. Der Fluch dabei? Ich werde zum Sündenbock für alles, was nicht perfekt läuft. Selbst wenn die Wärmepumpe wegen weltweiter Lieferverzögerungen nicht kommt: In den Augen des Perfektionisten habe ich versagt.
Weil perfektionistische Eigentümer Angst vor dem Urteil ihrer Nachbarn haben, kontrollieren sie meine Arbeit bis ins kleinste Detail. Wir erstellen Abrechnungen, die fachlich zu 100 % korrekt sind. Aber wehe, es schleicht sich ein Tippfehler in einen belanglosen Begleittext ein! Plötzlich wird die gesamte Kompetenz der Verwaltung in Frage gestellt. Die Folge: Ich verbringe mehr Zeit damit, Berichte zu „verschönern“ und mich zu rechtfertigen, als mich um die eigentliche Werterhaltung der Immobilie zu kümmern.
Im Stockwerkeigentum gibt es oft keine Lösung, die alle perfekt zufriedenstellt. Denkt mal an eine Dachsanierung: Sie soll „perfekt“ sein (höchster Standard), „sofort“ passieren (keine Wartezeit) und natürlich „gratis“ sein (bitte keine Erhöhung des Erneuerungsfonds). Da dieser Standard objektiv unerreichbar ist, stehe ich als Verwalter permanent im Licht des Versagens. Perfektion im Stockwerkeigentum ist oft ein logischer Widerspruch.
Diese Erwartungshaltung führt zur absoluten Abnutzung. Die Verwaltung fungiert als Blitzableiter. Wenn sich zwei Parteien streiten, wer den Waschraum „perfekter“ hinterlassen hat, stehe ich als Schiedsrichter dazwischen. Und dann die Protokoll-Kriege: Das Protokoll der Versammlung wird zum juristischen Schlachtfeld, weil jedes Wort „perfekt“ die eigene subjektive Meinung widerspiegeln muss. Das Ergebnis? Angst vor Fehlern verhindert Innovation. Niemand traut sich mehr, pragmatische oder unkonventionelle Wege zu gehen, weil das Umfeld keine Fehler verzeiht.
Am Ende des Tages muss eine Verwaltung effizient arbeiten. Aber Perfektionismus ist der Feind der Effizienz. Wenn eine Gemeinschaft verlangt, dass ich für jede Glühbirne im Treppenhaus drei Offerten einhole, um „perfekt wirtschaftlich“ zu sein, steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag. Das führt zu unentgeltlichen Überstunden für Erwartungen, die betriebswirtschaftlich gesehen reiner Wahnsinn sind.
Sozial vorgeschriebener Perfektionismus macht uns reaktiv statt proaktiv. Wir sind nur noch damit beschäftigt, fehlerfrei zu sein, anstatt die Immobilie strategisch weiterzuentwickeln. Mein Appell: Lasst uns Mut zur Lücke haben! Lasst uns pragmatisch sein. Eine Liegenschaft muss leben und funktionieren – sie muss kein fehlerfreies Museum sein.
-
AutorBeiträge
- Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.